RückrufNewsletter
Home | Lexikon

Körper

Definition von Körper:

Der Körper ist in der systemischen Theorie kein originärer systemtheoretischer Begriff, sondern ein notwendiges Bezugsphänomen: eine leibhaft erfahrbare, wahrnehmungsfähige Entität, die als Bedingung der Möglichkeit für psychische und soziale Sinnsysteme verstanden wird. Während psychische und soziale Systeme körperfrei („asomatisch“) operieren, benötigen sie zur Phänomenalisierung von Sinn einen wahrnehmungsfähigen Körper. Erst durch ihn wird Sinn nicht nur prozessiert, sondern erlebt, gespürt, sichtbar gemacht und erinnerbar.

Dabei ist zwischen Körper (als objektivierbarem Organismus) und Leib (als subjektiv erlebtem, sinnhaftem Körper) zu unterscheiden. Das ist  eine Differenz, wie sie in der phänomenologischen Tradition und auch in der neueren Systemtheorie aufgegriffen wird: Körper = Körper/Leib.

In dieser Unterscheidung wird deutlich, dass der Körper gleichzeitig Gegenstand und Medium der Beobachtung ist.

Anwendung in der systemischen Beratung und Therapie:

In der systemischen Praxis gewinnt der Körper zunehmend an Bedeutung, nicht als „isoliertes Objekt“, sondern als Mitspieler im Beziehungsgeschehen, als Resonanzraum und Symbolträger. Körperliche Signale, Haltungen, Bewegungen, Symptome oder Spannungen werden als Teil systemischer Muster betrachtet.

Typische Formen körperbezogener Anwendung:

  • Körperachtsamkeit in der Beratung (z. B. „Wo spüren Sie das gerade in Ihrem Körper?“)
  • Embodiment-Methoden, etwa in Kombination mit Aufstellungen, z. B. Körperanker, Haltungsveränderung
  • Somatische Marker zur Erfassung von emotionalen Reaktionen
  • Beziehungsdiagnostik über Körpersprache, Nähe-Distanz-Verhalten, Berührbarkeit
  • Körperarbeit zur Integration von belastenden Erfahrungen (z. B. bei Trauma, psychosomatischen Symptomen)

Systemische Berater und Therapeutinnen integrieren Körperwahrnehmung nicht, um innerpsychische Ursachen zu lokalisieren, sondern um den Systemkontext körperlicher Erscheinungen zu verstehen. Körperliche Phänomene werden als kommunikative Ausdrucksformen verstanden. Sie reden mit.

Bedeutung und Nutzen für die systemische Praxis: 

Der Körper erfüllt im systemischen Verständnis mehrere zentrale Funktionen:

  • Verkörperung von Sinn:

Der Körper stellt die Materialisierung von Sinn dar. Er übersetzt flüchtige, zeitbasierte Sinnprozesse in räumliche, erinnerbare Strukturen (z. B. Haltung, Muskelspannung, somatische Symptome). Er ist somit Speichermedium für Erfahrungen und trägt zur Bildung von Identität bei.

  • Beteiligung an sozialen Kontexten:

Körper sind in zwischenmenschlicher Interpenetration (Luhmann) beteiligt. Sie stellen ihre Komplexität anderen Systemen zur Verfügung (z. B. durch Mimik, Gestik, Nähe). Ohne Körper wäre soziale Resonanz nicht möglich.

  • Krisensymptomatik:

Der Körper kann als Marker für Sinnverlust, Belastung oder Desintegration dienen (z. B. Zittern, Nervenzusammenbruch, Erblassen). In systemischer Beratung und Therapie wird er daher nicht nur als Symptomträger, sondern auch als Diagnoseraum und Interventionsmedium genutzt.

  • Brücke zwischen Innen- und Außenwelt:

Der Körper ist der Ort, an dem Innen und Außen, Psyche und Gesellschaft, Selbst und Andere konkret erfahrbar werden. Damit spielt er eine zentrale Rolle in der Integration von Selbst- und Weltbezug.

Kritik

Trotz wachsender Wertschätzung des Körpers in der systemischen Praxis gibt es auch kritische Einwände:

Verwechslung von Leib und Körper: Die komplexe Differenz zwischen objektivierbarem Körper und subjektivem Leib wird in der Praxis häufig unscharf verwendet, was zu Missverständnissen führen kann.

Theorieferne: Der Körper ist kein genuiner Begriff der klassischen Systemtheorie. Seine Integration erfolgt eher pragmatisch denn theoretisch sauber begründet.

Deutungshoheit: Körperliche Symptome können leicht überinterpretiert oder vorschnell symbolisiert werden, was zu therapeutischer Übergriffigkeit führen kann.

Kulturbedingte Normierungen: Körperbilder sind sozial konstruiert. Systemische Praxis muss daher kultursensibel und reflexiv mit dem Körperbegriff umgehen, um z. B. keine normativen Vorstellungen von Gesundheit, Haltung oder Ausdruck zu reproduzieren.