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Nichtwissen

Definition von Nichtwissen

Der Begriff Nichtwissen bezeichnet im systemischen Kontext keine Unkenntnis oder Inkompetenz, sondern eine bewusste professionelle Haltung: die Bereitschaft, die Komplexität von Personen und sozialen Systemen nicht vorschnell durch vermeintlich gesichertes Wissen zu reduzieren, sondern sie in ihrer Eigenart, Eigensinnigkeit und Mehrdeutigkeit ernst zu nehmen.

In der systemischen Beratung und Therapie wird Nichtwissen als epistemologische Grundhaltung verstanden. Es bedeutet, nicht zu wissen, was für den Klienten richtig ist, sondern sich auf dessen subjektiven Bezugsrahmen einzulassen, mit echtem Interesse, ohne Vorannahmen, Diagnosen oder normierende Vorgaben.

Diese Haltung begründet die sogenannte „Expertise des Nichtwissens“, die eine der zentralen Kompetenzen in der professionellen systemischen Arbeit ist.

Anwendung in der systemischen Beratung und Therapie:

In der systemischen Beratung und Therapie bezeichnet die Haltung des Nichtwissens eine professionelle Grundhaltung, in der die Beraterin oder der Therapeut sich bewusst zurücknimmt, um den subjektiven Bezugsrahmen der Klienten zu würdigen und gemeinsam mit ihnen neue Bedeutungen und Handlungsmöglichkeiten zu erschließen. Dabei geht es nicht darum, gar nichts zu wissen, sondern das eigene fachliche Wissen in den Hintergrund zu stellen, um offen, neugierig und ohne vorschnelle Deutungen mit dem Gegenüber in Kontakt zu treten. Die Expertise des Nichtwissens zeigt sich insbesondere in der dialogischen Gestaltung des Hilfeprozesses: Beraterinnen arbeiten mit den Systemen und nicht gegen sie, sie würdigen den Eigensinn, die Eigenlogik und die Eigenarten der Klienten, statt diese zu korrigieren oder zu pathologisieren.

Diese Haltung zeigt sich konkret in der Gesprächsführung, etwa wenn Therapeuten sich bei irritierendem Verhalten nicht in Bewertungen oder Ratschläge flüchten, sondern interessiert nachfragen, was jemand zu einem bestimmten Denken oder Handeln bewegt. Dabei lautet eine typische Frage etwa: „Sie müssen gute Gründe dafür haben, dass Sie das so sehen oder so tun?“ Solche Fragen öffnen Räume für Selbstklärung, statt Bedeutungen vorzugeben.

Auch in der Steuerung des Hilfeprozesses selbst ist die Haltung des Nichtwissens wirksam: Sie ermöglicht es, flexibel zwischen verschiedenen Rollen zu wechseln, etwa vom Informationsgeber zum Fragesteller, vom anwaltschaftlich Handelnden zum struktursensibel Begleitenden, je nachdem, was das System in der jeweiligen Situation braucht. Entscheidend ist, dass dieser Wechsel nicht aus dem eigenen Expertenstatus heraus erfolgt, sondern stets im respektvollen Dialog mit den Zielen, Ideen und Sichtweisen der Klienten. Durch diese Haltung entsteht ein Arbeitsbündnis auf Augenhöhe, in dem sich beide Seiten als kompetent erleben, die eine in der fachlichen Rahmung, die andere in der Gestaltung ihres eigenen Lebens.

Bedeutung und Nutzen für die systemische Praxis: 

Die Haltung des Nichtwissens gehört zu den wirksamsten Grundlagen systemischer Praxis, weil sie das professionelle Verständnis von Beziehung, Verantwortung und Veränderung grundlegend verschiebt. Statt sich über Klienten zu stellen oder Lösungen vorzugeben, betont diese Haltung das gleichwertige Miteinander, in dem Hilfe nicht „ausgeliefert“, sondern gemeinsam entwickelt wird. Sie trägt wesentlich dazu bei, das häufig unausgesprochene hierarchische Gefälle zwischen Fachperson und hilfesuchender Person zu entlasten. Klienten erleben sich in diesem Kontext nicht als defizitäre Fälle, sondern als Menschen mit guten Gründen für ihr Denken, Fühlen und Handeln und ausgestattet mit Ressourcen, Erfahrungen, Ideen und Veränderungspotenzialen.

Die Bereitschaft, nicht zu wissen, was für den anderen das Richtige ist, eröffnet oft genau den Raum, in dem sich Veränderung ereignen kann. Klient:innen fühlen sich gesehen und gehört, was die Qualität der Beziehung stärkt. Dies ist ein nachgewiesener Wirkfaktor in der psychosozialen Arbeit. Gleichzeitig wird Selbstwirksamkeit gefördert, denn die Lösung kommt nicht von außen, sondern entsteht aus dem Inneren des Systems selbst.

Auch in komplexen Beratungssettings – etwa im Kinderschutz, in der Arbeit mit marginalisierten Gruppen oder in organisationalen Veränderungsprozessen – bietet die Haltung des Nichtwissens einen stabilen und gleichzeitig offenen Rahmen. Sie hilft, Vielfalt, Mehrdeutigkeit und Ambivalenz nicht als Bedrohung, sondern als Teil der Realität zu begreifen. Indem sie sich dem Ungewissen nicht verschließt, sondern es aktiv zum Teil des Beratungsprozesses macht, schafft sie Orientierung in Unsicherheit und lädt dazu ein, gemeinsam mit Klienten nach tragfähigen nächsten Schritten zu suchen.

Kritik

Trotz ihrer Wirkkraft und theoretischen Fundierung ist die Haltung des Nichtwissens nicht frei von Herausforderungen und Kritik. So besteht etwa die Gefahr, dass das Konzept als Beliebigkeit oder Konzeptlosigkeit missverstanden wird. In einer solchen Fehlinterpretation erscheint Nichtwissen als Verzicht auf Haltung, Strategie oder Orientierung. Tatsächlich verlangt diese professionelle Grundhaltung jedoch ein hohes Maß an methodischer Klarheit, struktureller Bewusstheit und innerer Stabilität. Sie ist nicht passiv, sondern geprägt von aktiver, feinfühliger Prozesssteuerung immer im Dienste der Autonomie und Selbstwirksamkeit der Klienten.

Ein weiterer kritischer Aspekt betrifft die Unsicherheit insbesondere bei Berufsanfängern. Wer noch über wenig berufliche Erfahrung verfügt oder keine tragfähige Haltung entwickelt hat, kann das bewusste Zurücknehmen des eigenen Wissens als Überforderung erleben oder auch dazu neigen, das Gegenüber durch scheinbar offene Fragen doch in eine bestimmte Richtung zu lenken. Hier braucht es eine fundierte Aus- und Weiterbildung, die das Spannungsverhältnis zwischen methodischer Offenheit und professioneller Verantwortung nicht nur thematisiert, sondern auch praktisch erfahrbar macht.

Auch der ethische Anspruch der Haltung des Nichtwissens – etwa in Bezug auf Machtasymmetrien in der Beratung – erfordert kritische Reflexion. Denn selbst der vermeintlich neutrale oder zurückhaltende Berater übt Einfluss aus: durch Rahmung, Sprache, implizite Erwartungen oder die Auswahl bestimmter Methoden. Insofern darf auch das „Nichtwissen“ nicht zum Ideal stilisiert werden, das über seine eigene Wirkungsmacht hinwegsieht. Ebenso muss beachtet werden, dass diese Haltung nicht in jedem Setting gleich sinnvoll ist. In akuten Krisen- oder Notfallsituationen etwa kann ein zu fragender oder zu zurückhaltender Stil als mangelnde Führung oder Unsicherheit erlebt werden, was Vertrauen eher schwächt als stärkt.Schließlich muss sich die Haltung des Nichtwissens auch gegenüber systemexternen Anforderungen behaupten, etwa in institutionellen Kontexten mit klaren Auftragserwartungen, in rechtlich geregelten Feldern wie dem Kinderschutz oder in organisationalen Settings mit Zielvorgaben. Hier besteht die Herausforderung darin, zwischen dialogischer Offenheit und struktureller Verantwortlichkeit differenziert zu navigieren ohne die Haltung zu verraten und ohne die Rolle zu verlieren.