Was ist eine systemische Gesprächsführung?
In der systemischen Gesprächsführung wird das Gesprochene der einzelnen Personen immer im Zusammenhang mit deren Beziehungen und sozialen Systemen betrachtet.
Damit wird die Art, wie wir Gespräche miteinander führen, grundlegend verändert:

Durch das systemische Verständnis wird die Aufmerksamkeit von einzelnen Personen auf das große Ganze gerichtet, was Beziehungen, Muster und gegenseitige Einflüsse beinhaltet.
Das verändert nicht nur die Fragen, die gestellt werden, sondern auch die gesamte Haltung der Gesprächspartner: Sie kommunizieren neugierig statt bewertend, lösungsorientiert statt problemfokussiert, wertschätzend statt defizitorientiert.
Ursprung des systemischen Ansatzes
Die systemische Gesprächsführung entstand in den 1950er Jahren in der Familientherapie. Pioniere wie Virginia Satir begannen, nicht mehr nur Einzelpersonen zu therapieren, sondern ganze Familien einzubeziehen.
Sie erkannten: Viele Probleme lösen sich nicht durch Veränderung einer Person, sondern durch Veränderung der Beziehungsdynamiken.
Später entwickelten Gregory Bateson, Paul Watzlawick und Steve de Shazer u. v. m. diese Ideen weiter. Heute findet das systemische Denken Anwendung in Coaching, Beratung, Pädagogik, Führung und im privaten Alltag.
Wer mehr über systemische Beratung wissen möchte, findet in unserer Ratgeber-Rubrik einen detailliert geschriebenen Artikel über die Grundlagen der systemischen Beratung.
Abgrenzung zu anderen Kommunikationsformen
Die klassische Gesprächsführung konzentriert sich häufig auf die Vermittlung von Informationen und strebt dabei die direkte Problemlösung an. Sie geht von dem Problem zur Analyse direkt zur Lösung und hat damit eine lineare Vorgehensweise.
Dagegen werden bei der systemischen Gesprächsführung viele Merkmale der gewaltfreien Kommunikation berücksichtigt. Hier wird das Erleben des Einzelnen inklusive seiner Gefühle und Bedürfnisse in den Fokus gestellt. Aber noch weitere Eigenschaften wie
- bedürfnisorientiert, gleichwertig
- Verbindung herstellen
- Bedürfnisse klären
- Einfühlende Rückfragen
- Emotionen
- Empathie
sind in der systemischen Gesprächsführung ebenfalls deutlich zu finden.
In der folgenden Tabelle finden Sie weitere Unterschiede der systemischen Gesprächsführung zu anderen, konventionellen Gesprächsformen:
| Direkte / Instruktive Gesprächsführung | Klientenzentrierte (personenzentrierte) Gesprächsführung(v. a. nach Carl Rogers) | Kognitive / Verhaltenstherapeutische Gesprächsführung | Diagnostisch-problemorientierte Gesprächsführung | |
|---|---|---|---|---|
| Merkmale | • Der Gesprächsführer (z. B. Therapeut, Coach, Berater) ist Experte für das Problem. • Ziel: Lösung vorgeben oder anleiten. • Fokus: Inhaltsebene, nicht Beziehungs- oder Kontextebene. • Kommunikation oft einseitig (Fragen dienen der Informationsgewinnung, nicht der Reflexion). | • Betonung von Empathie, Akzeptanz, Kongruenz. • Der Gesprächspartner steht im Mittelpunkt. • Ziel: Selbstexploration und Selbsterkenntnis. • Gesprächsführung ist nicht-direktiv, aber intrapersonell orientiert (Fokus liegt auf der inneren Erlebniswelt der Person). | • Strukturiert, zielorientiert, häufig mit klaren Interventionen. • Ziel: Veränderung von Gedanken und Verhalten durch Einsicht und Übung. • Gesprächsführung ist instruktiv und lösungsorientiert, oft mit Lehrcharakter. | • Ziel: Probleme identifizieren, analysieren, Ursachen finden. • Gesprächsführung ist analytisch und bewertend. • Der Gesprächsführer nimmt häufig eine Expertenrolle ein. |
| Systemische Gesprächsführung dazu im Vergleich | • Klient ist Experte seines Lebens, Berater begleitet durch Fragen. • Fokus auf Ressourcen, Muster, Wechselwirkungen, nicht auf Defizite oder „richtige“ Lösungen. | • Fokus auf Interaktionen und Beziehungen („Wie hängt das Verhalten mit dem Umfeld zusammen?“). • Personenzentriert: Fokus auf Innenwelt und Emotionen des Einzelnen. • Systemisch erweitert also Rogers’ Ansatz um eine kontextuelle und relationale Perspektive. | • Keine lineare Kausalität („A führt zu B“), sondern zirkuläres Denken. • Systemisch interessiert sich mehr für Bedeutungsgebung und Muster als für Korrektur von Gedanken.Verhaltenstherapie = Veränderung durch Einsicht und Übung ⇾Systemisch = Veränderung durch andere Sichtweisen und neue Kontexte. | • Systemisch fragt nicht nach Ursachen, sondern nach Funktionen und Zusammenhängen. • Statt Problemdefinition → Ressourcen- und Lösungssuche. • Statt linearer Ursache → zirkuläres Verstehen. |
Weitere Grundhaltungen in der systemischen Gesprächsführung
Unsere innere Haltung prägt maßgeblich die Art und Weise, wie wir ein Gespräch führen.
Die systemische Gesprächsführung basiert auf einigen Meta-Prinzipien, die den Unterschied zwischen einem problemfokussierten und einem lösungsorientierten Dialog ausmachen.

Zirkularität
Bei der Zirkularität geht man weg vom linear kausal psychologischen Erklärmodell und betrachtet stattdessen Wechselwirkungen, Muster, Rückkopplungen und Kontexte.
Zirkuläre Fragen werden dafür eingesetzt, eingefahrene Muster zu erkennen, aber dienen nicht der Ursachenforschung.
Konstruktivismus / Wirklichkeitskonstruktion
Dieses Prinzip geht davon aus, dass es keine objektive Wirklichkeit gibt, sondern nur Wirklichkeitskonstruktionen.
Man nimmt in Gesprächen nie an, dass man schon alles versteht, sondern erforscht, wie die Welt seines Gegenübers gebaut ist.
Hypothesenorientierung (statt Diagnostik)
In der systemischen Gesprächsführung wird immer hypothesengeleitet gedacht, dennoch bleiben die Hypothesen provisorisch, flexibel und widerlegbar. Man arbeitet nie mit einer „Ich hab’s verstanden“-Endgültigkeit.
Lösungs- und Zukunftsvisionen als Möglichkeitsraum
Mit dieser Grundhaltung werden Räume für weitere Möglichkeiten geöffnet, indem man alternative Zukunftsbilder co-kreiert. Dadurch werden mehr Optionen erzeugt, die vorher nicht da waren.
Kontextsensibilität / Systemfähigkeit
Die systemische Gesprächsführung folgt keinem Experten-Modell. Es gibt kein Machtgefälle, sondern alle Beteiligten sind gleichwertig und lösen Probleme gemeinsam.
Kooperation / Co-Creation
Alles wird kontextuell gesehen, d.h. eine Person wird nie isoliert betrachtet. Denn der Kontext verändert Bedeutung und Verhalten.
Praxisbeispiel: Wie sich die Haltung auf ein Gespräch auswirkt

Zentrale Methoden und Techniken
Die systemische Gesprächsführung verfügt über ein vielseitiges Repertoire an Fragetechniken und Methoden, die dabei helfen, festgefahrene Sichtweisen aufzubrechen, neue Perspektiven zu eröffnen und Lösungswege zu erschließen.
Die Wunderfrage
Die Wunderfrage gehört zu den bekanntesten systemischen Techniken. Sie lädt dazu ein, sich eine Zukunft ohne das aktuelle Problem vorzustellen.
Die klassische Wunderfrage: “Stellen Sie sich vor, über Nacht geschieht ein Wunder, und Ihr Problem ist gelöst. Sie wissen davon noch nichts, weil Sie schlafen. Woran würden Sie am nächsten Morgen als Erstes merken, dass das Wunder geschehen ist? Was wäre anders?”

Diese Technik ist bewusst unrealistisch formuliert und macht sie deshalb so kraftvoll: Menschen dürfen einfach träumen und beschreiben, wie ihr Leben ohne das Problem aussehen würde.
Beispiel-Frageformulierungen:
- “Angenommen, Ihr Problem wäre über Nacht verschwunden – was würde Ihr Partner als Erstes an Ihnen bemerken?”
- “Wenn ich Sie in einem Jahr treffe und alles hat sich zum Besseren entwickelt – was erzählen Sie mir dann?”
- “Mal ganz hypothetisch: Wenn die Zusammenarbeit im Team perfekt funktionieren würde, wie sähe ein typischer Arbeitstag aus?”
Anwendung in Beratung und Alltag:
In der professionellen Beratung hilft die Wunderfrage, konkrete Zielbilder zu entwickeln. Im Alltag können Sie sie nutzen, um mit Ihrem Partner, Ihren Kindern oder Kollegen über Wünsche und Ziele zu sprechen, ohne sofort in Problemdiskussionen zu verfallen.
Zirkuläre Fragen
Zirkuläre Fragen sind ebenfalls eine besonders kraftvolle systemische Technik, bei der “um die Ecke” gefragt wird, sozusagen über die Perspektive Dritter.
Grundstruktur: Sie fragen Person B, was Person C über Person A denken könnte.
Beispiele aus Coaching und Familie:
- “Was glauben Sie, würde Ihre Kollegin sagen, wenn ich sie frage, wie Sie mit Stress umgehen?”
- “Wenn ich Ihren Sohn fragen würde, was ihm an der Familiensituation am schwersten fällt – was würde er antworten?”
- “Angenommen, Ihr Chef sähe, wie Sie dieses Projekt angehen – was würde er als Ihre größte Stärke dabei wahrnehmen?”
- “Wie reagiert Ihre Tochter, wenn Sie und Ihr Partner sich streiten? Was macht sie dann?”
Diese Fragen ermöglichen einen Perspektivwechsel und regen zur Reflexion an, ohne direkten Druck aufzubauen. Menschen können über andere sprechen und dabei oft erstaunlich viel über sich selbst und die Systemdynamiken erfahren.
Reframing
Reframing bedeutet wörtlich “einen neuen Rahmen geben” und gehört heute zum Standardrepertoire systemischer Arbeit. Es geht darum, Situationen, Aussagen oder Verhaltensweisen neu zu deuten und in einem anderen Licht zu betrachten.
Der Grundgedanke: Die Bedeutung eines Verhaltens oder einer Situation hängt davon ab, in welchen Rahmen wir sie stellen. Durch eine Umdeutung können belastende Bewertungen in konstruktive Perspektiven verwandelt werden.
Praxisbeispiel: “stur” → “standhaft”
Stellen Sie sich vor, eine Führungskraft beklagt sich über einen Mitarbeiter: “Der ist so stur, der lässt sich einfach nicht von seiner Meinung abbringen!”
Ein Reframing könnte lauten: “Ich höre heraus, dass er sehr standhaft ist und zu seiner Überzeugung steht. Das kann in Projekten, die Beständigkeit erfordern, eine wichtige Qualität sein. Vielleicht braucht er nur andere Argumente oder mehr Zeit, um sich auf neue Ideen einzulassen?”
Weitere Reframing-Beispiele:
- “ungeduldig” → “engagiert und ergebnisorientiert”
- “vorsichtig” → “gründlich und verantwortungsbewusst”
- “chaotisch” → “kreativ und flexibel”
- “zurückhaltend” → “reflektiert und bedacht”
Wichtig: Reframing ist keine Beschönigung, sondern eine ehrliche Suche nach alternativen Bedeutungen. Es erweitert die Sichtweise und macht neue Handlungsmöglichkeiten sichtbar.
Skalierungsfragen
Skalierungsfragen machen abstrakte Gefühle, Einschätzungen und Fortschritte messbar und damit leichter, darüber zu sprechen. Sie sind besonders wertvoll, wenn es um subjektive Bewertungen geht.
Die Grundidee ist einfach: Sie bitten Ihr Gegenüber, eine Einschätzung auf einer Skala von 1 bis 10 abzugeben. Das schafft Klarheit und ermöglicht konkrete Gespräche über Veränderungen.

Typische Formulierungen:
- “Auf einer Skala von 1 bis 10 – wie zufrieden sind Sie aktuell mit der Situation? Was müsste passieren, damit Sie eine Stufe höher kommen?”
- “Wie motiviert fühlen Sie sich gerade für dieses Projekt? 7 von 10? Was hat dazu geführt, dass Sie schon bei 7 sind und nicht bei 1?”
- “Wie sehr vertrauen Sie darauf, dass Sie diese Herausforderung meistern können?”
Anwendungsbeispiele:
Mit Kindern: “Auf einer Skala von 1 bis 10 – wie wütend bist du gerade auf deinen Bruder? Ah, eine 8. Und wie wütend warst du gestern? Nur eine 5? Was hat sich verändert?”
Im Team: “Wie gut läuft unsere Zusammenarbeit aktuell auf einer Skala von 1 bis 10? Sie sagen 6? Was bräuchte es, um auf eine 7 zu kommen?”
Der Vorteil: Skalierungsfragen machen abstrakte Themen greifbar. Sie machen Fortschritte sichtbar und helfen auch dabei, realistische nächste Schritte zu definieren. Der Sprung von 3 auf 4 ist schneller erreichbar, als der von 3 auf 10.
Anwendungsfelder der systemischen Gesprächsführung
Die systemische Gesprächsführung ist sowohl in professionellen Settings als auch im privaten Alltag einsetzbar, da sich die Methoden flexibel an verschiedene Kontexte anpassen lassen.
Beratung und Coaching
In der Beratung und im Coaching werden Einzelpersonen oder Gruppen durch die systemische Gesprächsführung bei der Lösungsfindung unterstützt. Berater und Coaches nutzen systemische Fragetechniken, um Klienten neue Perspektiven zu eröffnen. Sie moderieren den Prozess der Selbstreflexion und helfen dabei, größere Zusammenhänge besser zu verstehen.

Pädagogik und Sozialarbeit
Im pädagogischen Bereich ermöglicht eine systemische Gesprächsführung, Kinder und Jugendliche in ihrem sozialen Kontext zu verstehen.
Erzieher, Lehrkräfte und Sozialarbeiter nutzen systemische Methoden, um nicht nur das individuelle Verhalten einer einzelnen Person zu betrachten, sondern auch deren Familiendynamiken, Peergroup-Einflüsse und institutionellen Rahmenbedingungen zu berücksichtigen.
Besonders wertvoll ist dabei die ressourcenorientierte Haltung, die Stärken und Potenziale in den Vordergrund rückt. Diese Vorgehensweise stärkt Selbstwertgefühl und fördert die Motivation junger Menschen.

Führung und Teamentwicklung
Von der systemischen Gesprächsführung profitieren vor allem Führungskräfte. Sie hilft, die Teamdynamik zu verstehen, Konflikte konstruktiv zu bearbeiten und Mitarbeiter zu stärken.
Führungskräfte können durch geschicktes Fragen ihr Team dabei unterstützen, eigene Lösungen zu entwickeln, die dann von jedem Teammitglied vollständig mitgetragen werden.
Für die Teamentwicklung werden systemische Methoden genutzt, um Kommunikationsmuster sichtbar zu machen, Rollen zu klären und die Zusammenarbeit zu verbessern. Beispielsweise helfen zirkuläre Fragen, verschiedene Perspektiven im Team zu beleuchten und das gegenseitige Verständnis zu fördern.

Alltag und private Beziehungen
Eine systemische Gesprächsführung ist keineswegs nur etwas für Profis. Die Grundhaltungen und Techniken lassen sich auch hervorragend im privaten Alltag anwenden.
- Partnerschaft
In Partnerschaften hilft die systemische Haltung, Konflikte zu entschärfen und konstruktiv zu kommunizieren.
Klassische Gespräche enthalten oft vorwurfsvolle Sätze wie:
- Du bist immer so …
- Nie machst du … / bist du …
- Immer muss ich …
Systemisch geführte Gespräche enthalten Fragen, wie z. B.:
- Was bräuchtest du von mir, damit du dich mehr unterstützt fühlst?
- Wann haben wir uns das letzte Mal richtig gut verstanden? Was war da anders?
Auch die Wunderfrage ist ideal für Gespräche über die gemeinsame Zukunft.
z. B.: „Wenn bei uns in der Familie alles 100 % gut laufen würde – wie würde das aussehen, was wäre anders?“

Reframing hilft, Eigenschaften des Partners in einem neuen Licht zu sehen und damit Verständnis füreinander aufzubauen. Beispiele dafür sind:
- sehr sensibel sein ⇾ Dinge schnell wahrnehmen, um Spannungen frühzeitig zu bemerken und abzubauen
- viel Arbeiten ⇾ finanzielle Sicherheit schaffen
- viel reden ⇾ Gedanken teilen, um Nähe zu schaffen
- Bewegungsdrang ⇾ Energie abbauen
- Eltern-Kind-Kommunikation
Eltern können systemische Techniken nutzen, um ihre Kinder besser zu verstehen und lösungsorientiert zu kommunizieren.
Kinder, die zu hören bekommen
- Warum hast du das schon wieder gemacht?
- Warum bist du immer so?
ziehen sich oft zurück und machen dicht, sodass manchmal sogar eine generelle Kommunikation strickt von ihnen abgelehnt wird.
Wenn Sie stattdessen fragen
- Was war deine Idee dabei?
- Was wolltest du damit erreichen?
bekommt das Gespräch einen wertschätzenden Klang und kann zu einem ersten Lösungsansatz führen.
Auch Skalierungsfragen sind bei Kindern sehr beliebt: “Auf einer Skala von 1 bis 10 – wie sehr ärgert dich das gerade?” gibt Kindern die Möglichkeit, ihre Gefühle auszudrücken, ohne lange Erklärungen geben zu müssen.
- Freundeskreis und Kollegen
Zirkuläre Fragen in Gesprächen mit Freunden und Kollegen können helfen, Missverständnisse aufzuklären: “Was glaubst du, denkt Maria über unsere letzte Diskussion?” ermöglicht einen Perspektivwechsel, ohne direkt Partei zu ergreifen.
Die ressourcenorientierte Haltung macht Gespräche konstruktiver und angenehmer, denn statt nur Probleme zu wälzen, lenkt sie den Fokus auf Stärken und Lösungen.
Übungen und Reflexion
Systemische Gesprächsführung lernt man nicht durch Lesen allein, sondern sie entwickelt sich durch stetige Übung und Reflexion. Probieren Sie diese praktischen Übungen, um einen leichten Einstieg in die systemische Gesprächsführung zu finden:
Rollenspiel: Perspektivwechsel
Übung zu zweit oder in der Gruppe:
Wählen Sie eine alltägliche Konfliktsituation aus (z. B. ein Streit über Haushaltsaufgaben, eine Meinungsverschiedenheit im Team). Eine Person beschreibt die Situation aus ihrer Sicht.
Nun tauschen Sie die Rollen: Die Person soll die Situation aus der Perspektive der anderen beteiligten Person schildern. Wie würde die andere Person die Situation beschreiben? Was sind ihre Beweggründe? Was ist ihr wichtig?
Reflexion: Was haben Sie durch den Perspektivwechsel verstanden? Hat sich Ihre Sicht auf die Situation verändert?
Mit dieser Übung trainieren Sie das zirkuläre Denken und Empathie. Diese beiden Fähigkeiten sind von zentraler Bedeutung bei der systemischen Gesprächsführung.
Mini-Selbsttest: “Welche Haltung nehme ich ein?”
Reflektieren Sie Ihre eigene Gesprächshaltung anhand dieser Fragen:
Problemfokus vs. Ressourcenfokus:
- Worauf achte ich in Gesprächen mehr: auf das, was nicht funktioniert, oder auf das, was bereits klappt?
- Frage ich häufiger “Warum ist das Problem entstanden?” oder “Was braucht es für eine Lösung?”
Neutralität:
- Nehme ich in Konflikten schnell Partei ein oder versuche ich, alle Perspektiven zu verstehen?
- Verurteile ich Verhaltensweisen oder versuche ich zu verstehen, welchen Sinn sie haben könnten?
Empowerment:
- Gebe ich schnell Ratschläge oder helfe ich anderen, eigene Lösungen zu entwickeln?
- Traue ich meinem Gegenüber zu, seine Situation selbst zu gestalten?
Seien Sie ehrlich zu sich selbst! Hier geht es nicht darum, perfekt systemisch zu denken, sondern darum, ein Bewusstsein zu schaffen und darauf aufbauen zu können.
5-Minuten-Übungen für den Alltag
“Stelle heute eine ressourcenorientierte Frage!”
Nehmen Sie sich vor, heute mindestens einmal bewusst nach Ressourcen zu fragen, statt nach Problemen. Beispiele:
- “Was hat heute gut geklappt?”
- “Was ist dir heute gelungen?”
- “Welche deiner Fähigkeiten hast du heute eingesetzt?”
“Formuliere ein Reframing im Gespräch”
Wenn jemand heute eine negative Bewertung äußert (über sich selbst oder andere), versuchen Sie ein spontanes Reframing. Überlegen Sie: Welche positive Qualität könnte in dieser Eigenschaft stecken?
Sie müssen das Reframing nicht unbedingt aussprechen – allein die innere Übung verändert Ihre Wahrnehmung und Haltung.
4 Tipps für den Transfer in die Praxis
1. Kleine Schritte statt große Theorieblöcke
Versuchen Sie nicht, alles auf einmal umzusetzen. Wählen Sie eine Technik aus – z.B. Skalierungsfragen – und üben Sie diese bewusst eine Woche lang in verschiedenen Kontexten. Erst, wenn Sie diese verinnerlicht haben, nehmen Sie die nächste Technik dazu.
Systemische Haltung entwickelt sich schrittweise. Seien Sie geduldig mit sich selbst und feiern Sie kleine Erfolge.
2. Reflexionstagebuch führen
Führen Sie nach wichtigen Gesprächen ein kurzes Reflexionstagebuch:
- Was habe ich ausprobiert?
- Was hat gut funktioniert?
- Was würde ich beim nächsten Mal anders machen?
- Welche Wirkung haben meine Fragen erzeugt?
Diese Reflexion hilft, aus Erfahrungen zu lernen und die eigene Gesprächsführung kontinuierlich zu verbessern.
3. Kommunikation bewusst gestalten statt reagieren
Systemische Gesprächsführung bedeutet, einen Moment innezuhalten, bevor Sie antworten. Statt automatisch zu reagieren, fragen Sie sich:
- Welche Haltung möchte ich einnehmen?
- Welche Frage könnte jetzt hilfreich sein?
- Wie kann ich meinem Gegenüber helfen, selbst Lösungen zu finden?
Diese bewusste Gestaltung macht den Unterschied zwischen reaktiver und reflektierter Kommunikation.
4. Toolbox: 10 systemische Fragen für sofortige Anwendung
Setzten Sie diese Fragen in Ihrem beruflichen oder privaten Alltag ein und Sie werden erstaunt sein, wie schnell sich kleine Veränderungen ergeben:
- “Was klappt bereits gut in dieser Situation?” (Ressourcenfokus)
- “Angenommen, das Problem wäre gelöst – was wäre dann anders?” (Wunderfrage)
- “Auf einer Skala von 1 bis 10 – wo stehen Sie gerade?” (Skalierung)
- “Was würde Ihr Partner/Kollege zu dieser Situation sagen?” (Zirkuläre Frage)
- “Wann war die Situation schon einmal besser? Was war da anders?” (Ausnahmefrage)
- “Was ist der kleinste Schritt, den Sie gehen könnten?” (Lösungsorientierung)
- “Welche Stärken können Sie nutzen, um damit umzugehen?” (Ressourcenaktivierung)
- “Was brauchen Sie, um sich sicherer zu fühlen?” (Bedürfnisorientierung)
- “Was könnte an dieser Eigenschaft auch wertvoll sein?” (Reframing)
- “Was soll auf jeden Fall so bleiben, wie es ist?” (Wertschätzung des Bestehenden)
Tipp: Kopieren Sie sich diese Fragen in Ihr Smartphone oder notieren Sie sie auf einem Spickzettel. Mit der Zeit werden sie in Fleisch und Blut übergehen.
Lernen Sie, Gespräche neu zu sehen – mit einer systemischen Aus- oder Weiterbildung am Hamburger Institut für systemische Lösungen!
Wenn Sie Gespräche nicht nur führen, sondern verstehen und gestalten wollen, sind Sie hier richtig.
In unseren praxisorientierten Modulen entwickeln Sie Schritt für Schritt Ihre systemische Haltung – durch erfahrungsbasierten Lernen und professioneller Begleitung.
So gewinnen Sie Sicherheit in der Anwendung und Tiefe jedes Gesprächs, sowohl im beruflichen als auch im privaten Alltag.
* Wir bemühen uns um eine genderbewusste Sprache. Es ist uns ein Herzensanliegen und eine Selbstverständlichkeit, die Gleichstellung und Gleichwertigkeit aller Menschen jenseits ihres Geschlechtes zu achten und zu würdigen. Eine gendergerechte Sprache fördert die dafür wichtige Bewusstseinsbildung. Gleichzeitig ist uns eine nicht umständliche und verständliche Sprache wichtig. Deshalb nehmen wir uns im Dienste einer guten Lesbarkeit die Freiheit, mal generisch maskuline Bezeichnungsformen und mal generisch feminine Bezeichnungsformen zu verwenden, ohne eine zwanghafte Disziplin und ohne „demr Leserin“ Stolperkonstruktionen zuzumuten.
