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Krise

Definition von Krise: 

Der Begriff Krise stammt vom griechischen Verb krínein (κρίνειν), was „trennen, scheiden, entscheiden“ bedeutet, und verweist damit auf einen Wendepunkt. In der Antike war „Krise“ mit existenziellen Entscheidungssituationen verbunden, in der Medizin als Scheidepunkt zwischen Leben und Tod, in der Theologie zwischen Heil und Verdammnis. In der modernen Psychologie und systemischen Beratung beschreibt der Begriff eine Zuspitzung innerer oder äußerer Konflikte, die das seelische Gleichgewicht einer Person akut oder chronisch gefährden und ihre bisherigen Bewältigungsmuster überfordern.

Eine Krise ist durch den „Verlust des seelischen Gleichgewichts“ gekennzeichnet, hervorgerufen durch Lebensereignisse, die die aktuellen Problemlösefähigkeiten übersteigen. Der Mensch erlebt Kontrollverlust, Überforderung und ist temporär nicht in der Lage, sich aus eigener Kraft zu stabilisieren. Krisen können intrapersonell, interpersonell, situativ oder transitiv (z. B. weltanschaulich) sein.

Anwendung in der systemischen Beratung und Therapie:

Systemische Beratung und Therapie begegnen Krisen nicht pathologisierend, sondern als sinnvolle Reaktionen auf subjektiv als überfordernd erlebte Kontexte. Dabei werden nicht nur die Symptome, sondern Beziehungsmuster, Kommunikationsprozesse und systemische Wechselwirkungen in den Blick genommen. Die therapeutische Haltung ist ressourcenorientiert und vertraut auf die Selbstregulationskräfte des Klienten

In der akuten Krise ist oft zunächst Stabilisierung gefragt: emotionale Präsenz, klare Struktur und körperlich erfahrbare Beruhigung. Danach wird die Krise in den Kontext der Lebensgeschichte und Beziehungen eingeordnet. Ziel ist, den Handlungsspielraum zu erweitern, Deutungshoheit zurückzugewinnen und die Krise als möglichen Katalysator für Entwicklung zu begreifen.

Es lassen sich folgende Arten von Krisen unterscheiden:

  • Veränderungskrise (z. B. Entwicklungsaufgaben wie Trennung, Rollenwechsel)
  • Traumatische Krise (z. B. Unfall, Gewalt, plötzlicher Verlust)
  • Chronisch-protrahierte Krise (Veränderungskrise, die sich durch Vermeidung oder dysfunktionale Bewältigungsmuster chronifiziert)

Zusätzlich lassen sich normative Krisen (erwartbare Übergänge im Lebensverlauf, z. B. Pubertät) und nichtnormative Krisen (unvorhersehbare, oft existenziell bedrohliche Ereignisse) unterscheiden.

Systemische Interventionen wie Reframing, Externalisierung, Zirkuläre Fragen, Skalierungsfragen, oder Aufstellungsarbeit können dazu beitragen, neue Perspektiven zu eröffnen und die Selbstwirksamkeit zu stärken.

Bedeutung und Nutzen für die systemische Praxis:

Im systemischen Verständnis wird die Krise als ein relevanter Entwicklungsimpuls begriffen. Sie konfrontiert den Menschen mit der Grenze seiner bisherigen Bewältigungsstrategien und eröffnet damit die Möglichkeit für Wachstum, Neuorientierung und Reorganisation.

Systemisch betrachtet, entstehen Krisen nicht im Individuum allein, sondern im Zusammenspiel mit dem sozialen und institutionellen Umfeld (System). Auch Helfersysteme selbst können in die Krise geraten – ein Phänomen, das systemische Reflexion und Supervision notwendig macht.

Die systemische Krisenintervention unterstützt Klienten dabei, durch Beteiligung an ihren eigenen Lösungen, neue Kohärenz und Lebensgestaltung zu ermöglichen, ohne ihnen die Entscheidungshoheit abzunehmen.

Kritik

Einigen Kritikern erscheint das systemische Modell aufgrund seines hohen Abstraktionsniveaus zu theoretisch, besonders in akuten Krisensituationen mit hoher Belastung. Die starke Betonung von Autonomie kann zudem in schweren Krisen als Überforderung erlebt werden, vor allem dann, wenn das unterstützende soziale Netzwerk nur schwach ausgeprägt ist. Darüber hinaus stoßen systemische Methoden in medizinischen oder psychiatrischen Notfällen, etwa bei suizidalen Krisen, an ihre Grenzen und machen eine interdisziplinäre Zusammenarbeit notwendig. Schließlich spielt auch der kulturelle Kontext eine Rolle: In stärker kollektivistisch geprägten Kulturen kann die individuelle Bearbeitung von Krisen anders wahrgenommen und bewertet werden.