Definition von Problem:
Der Begriff Problem leitet sich etymologisch vom griechischen problema ab, was wörtlich »das Vorgelegte« bedeutet, also eine gestellte Aufgabe oder Streitfrage. Im modernen Sprachgebrauch bezeichnet ein Problem allgemein eine schwierige oder komplexe Fragestellung, eine Herausforderung oder ein Hindernis, das (noch) keiner zufriedenstellenden Lösung zugeführt wurde.
Probleme sind damit grundsätzlich weder negativ noch positiv konnotiert, sondern zunächst neutrale Beschreibungen von Situationen, in denen vorhandene Routinen oder bestehendes Wissen nicht ausreichen, um erwünschte Resultate zu erzielen. Sie markieren Differenzen zwischen Ist- und Sollzuständen, erzeugen kognitive oder emotionale Dissonanz und machen ein Innehalten, ein Reflektieren oder ein Reorganisieren notwendig.
Allerdings ist im Alltagsverständnis der Begriff des Problems häufig normativ aufgeladen: Probleme gelten als »Störungen«, »Mängel«, »Missstände« oder »Krisen«, die es möglichst schnell zu beseitigen gilt. Dies hat nicht nur Auswirkungen auf individuelle Bewertungen, sondern auch auf gesellschaftliche Zuschreibungen und institutionelle Maßnahmen, etwa in Medizin, Sozialer Arbeit oder Psychotherapie.
Anwendung in der systemischen Beratung und Therapie:
Im systemischen Denken werden Probleme nicht als objektive Sachverhalte, sondern als Konstruktionen innerhalb spezifischer Beobachterkontexte verstanden. Sie entstehen durch Bedeutungsgebung: Etwas wird zu einem Problem, wenn es in einem bestimmten sozialen, kulturellen oder biografischen Kontext als abweichend, störend oder leidvoll markiert wird. Aus dieser Perspektive ist nicht das Verhalten an sich problematisch, sondern die Art und Weise, wie unter Einbezug der relevanten Kommunikationssysteme darüber gesprochen, gedacht oder gehandelt wird.
In der systemischen Beratung bedeutet dies konkret: Probleme sind relational, kontextabhängig und durch Sprache erzeugt. Die systemische Praxis fragt daher weniger: »Was ist das Problem?«, sondern vielmehr: »Für wen ist etwas wann, wie, warum und in welchem Zusammenhang ein Problem?« Diese Verschiebung ermöglicht es, den »Problemstatus« eines Phänomens in Frage zu stellen, ihn in einen größeren Zusammenhang zu stellen oder alternative Bedeutungszuschreibungen zu finden.
Systemische Interventionsformen setzen hier an, etwa durch Externalisierung, durch Reframing, durch zirkuläres Fragen oder durch Fokussierung auf Ausnahmen und Ressourcen. Ziel ist es, den problemfixierten Blick zu lockern und Möglichkeitsräume zu eröffnen. Dabei wird die Definition des Problems ebenso zum Gegenstand der Reflexion wie die oft impliziten Lösungsversuche, die zu seiner Verfestigung beitragen.
Bedeutung und Nutzen für die systemische Praxis:
In der systemischen Praxis besitzt der Problembegriff eine doppelte Funktion: Zum einen fungieren Probleme als Einstieg in den Beratungsprozess, denn sie bilden den Anlass, weshalb Klienten Unterstützung suchen, und strukturieren den ersten Kontakt sowie die Auftragsklärung. Zum anderen eröffnet die systemische Perspektive auf Probleme eine kreative Suchbewegung: Indem Probleme als Unterscheidung konstruiert werden (Problem vs. Lösung, Stabilität vs. Wandel, Belastung vs. Ressource), entsteht Spielraum für alternative Bedeutungen und Wirklichkeitskonstruktionen.
Ein zentraler Nutzen dieser Haltung besteht darin, dass Klienten nicht als defizitär oder gestört etikettiert werden, sondern als sinnhaft handelnde Subjekte, deren Problemdeutungen aus ihrer Sichtweise nachvollziehbar sind. Diese Wertschätzung erleichtert den Beziehungsaufbau, stärkt das Arbeitsbündnis und fördert Selbstwirksamkeit.
Darüber hinaus erlaubt die systemische Sichtweise eine paradoxe, aber produktive Umkehr: Probleme können selbst als Lösungsversuche verstanden werden, beispielsweise als Ausdruck unzureichend gehörter Bedürfnisse, als Schutzfunktion oder als Versuch, Zugehörigkeit zu sichern. Diese Lesart hilft, Symptome nicht vorschnell »wegmachen« zu wollen, sondern als kommunikative Angebote zu verstehen, die in einem größeren Kontext Sinn ergeben. Dies führt zu einer erweiterten Reflexionsebene sowohl bei Einzelpersonen als auch in Familien, Organisationen oder Netzwerken.
Kritik:
Trotz ihrer Nützlichkeit ist die systemische Perspektive auf Probleme nicht ohne kritische Einwände. Wenn alles »nur eine Konstruktion« ist, besteht die Gefahr, konkrete Erfahrungen und Machtverhältnisse zu entpolitisieren oder zu psychologisieren.
Ebenso kritisch wird mitunter gesehen, dass in systemischen Kontexten das Wort »Problem« bewusst gemieden oder durch neutralere Begriffe wie »Herausforderung«, »Anliegen« oder »Thema« ersetzt wird. Zwar ist diese Sprachregelung oft sinnvoll, um Defizitorientierung zu vermeiden, sie kann jedoch auch dazu führen, dass das belastende Erleben von Klienten bagatellisiert oder nicht ausreichend anerkannt wird. Eine übermäßige Lösungsfokussierung kann in solchen Fällen das Problem verstärken.
Ein weiterer kritischer Punkt betrifft die institutionelle Realität vieler professioneller Kontexte. Hier besteht oft ein hoher Druck, Probleme schnell zu definieren, zu standardisieren und zu »bearbeiten«, etwa im Gesundheitssystem, in Behörden oder im Bildungswesen. Die systemische Haltung zur Prozessoffenheit und Kontextualisierung kann in solchen Rahmenbedingungen an ihre Grenzen stoßen oder sogar als unprofessionell erscheinen.
Schließlich ist auch innerhalb der systemischen Szene selbst die Frage offen, ob eine konsequent kontextualisierende und dezentrierende Perspektive auf Probleme immer ausreichend Orientierung bietet oder ob nicht manchmal auch normative Positionierungen notwendig sind, etwa in ethisch heiklen Beratungssituationen.